La Lisarda

La Lisarda

Scherzo Drammatico
Giovanni Battista Mariani

„La Lisarda” ist ein „Scherzo Drammatico” – ein böser Scherz und eine charmante Oper für drei Stimmen aus dem italienischen Hochbarock. Giovanni Battista Mariani schrieb die Musik zum Libretto von Lodovico Cortesi da Rimini für den römischen Karneval 1659. Dieses Schmuckstück wiederzuentdeckender Barockliteratur von Giovanni Battista Mariani eröffnete in Rom das Genre der „galanten Operette“.

Camilla de Falleiro · Alice Borciani · Gabriel Díaz

A Corte Musical
Musikalische Leitung – RogĂ©rio Goncalves
Inszenierung – Manuela Kloibmüller
Bühne und Kostüme – Isabella Reder

„La Lisarda“ ist eine Geschichte ĂĽber die Situation einer Frau als Mutter und Geliebte voll Sehnsucht nach ihrem verflossenen Liebhaber und mit Eifersucht auf die Schönheit und Jugend ihrer Tochter Celia. Sie nimmt in verzweifelter und tragisch komischer Weise Einfluss auf das Schicksal und wankt zwischen Liebe und Leidenschaft, Hass und Neid. Es ist eine Ermächtigung ĂĽber das Schicksal, eine Herrschaft ĂĽber zwei Menschenschicksale, das mit den Vorurteilen und Abwertungen im Leben einer älter werdenden Frau einhergehen. Es ist ein Kampf gegen das Verschwinden aus den Blickfeld der Gesellschaft, in der eine ältere Frau Aufmerksamkeit erregen muss um ihre Postion vertreten zu können. Dieses äuĂźert sich in Grausamkeit, Leiden und Ironie. Das junge Paar dagegen schwankt zwischen naivem Egoismus und Unverständnis. Alter trifft auf Jugend – mit einem Blick in den Spiegel versucht man darĂĽber zu Lachen und zu Scherzen – ein dramatischer Scherz ĂĽber das
Leben.

„La Lisarda“: Begehre nicht deiner Tochter Mann

Die italienische Barockrarität bei den Donaufestwochen imStrudengau
Der Standard – MICHAEL WURMITZER

Schlussmachen ist schon schwierig genug. Als noch diffiziler erweist sich die Kunst des Finalisierens, wenn der Grund, dem Techtelmechtel mit der Mutter ein Ende zu machen, die wahre Liebe zu deren Tochter ist. Von der Verwandtschaft seiner beiden Frauen weiß Medoro noch nichts, als er sich auf die Herausforderung einlässt. Aber er kriegt sie in Giovanni Battista Marianis Scherzo drammatico La Lisarda zu spüren. Nicht „Willst du gelten, mach dich selten“ sondern eher „Bist du selten, lassen wir dich gelten“, lautet das Motto Opernproduktion als alljährlichem Höhepunkt der Donaufestwochen im Strudengau.
Monopol auf Suchtreffer
Was das von Rogério Gonçalves angeführte Ensemble A Corte Musical bei seinem dritten Antreten auf Schloss Greinburg im Gepäck hat, ist so rar, dass es nicht einmal deutschsprachige Google-Treffer dafür gibt, die auf etwas anderes als die Premiere der 1659 für den römischen Karneval komponierten Dreiecksgeschichte vergangenen Samstag verweisen. Diesem Anlass enstprechend vergnüglich verläuft die Handlung. Zwei_Stunden lang muss sie tragen, entwickelt folglich ein Hin und Her aus Geständnissen, Einsichten und Listen. Liebt Madoro nämlich die Tochter, so ist die Gunst ihrer gesellschaftlich gutgestellten Mutter ihm ebenso nicht ungenehm. Die Inszenierung von Manuela Kloibmüller variiert die verschiedenen Begehren von Schmachten bis zur Lust. Die eigentümlich schräg in den Greinburger Arkadenhof hineingekeilte, schwarz-grau gehaltene Bühne (Isabella Reder) zeigt eine gedeckte Tafel, die nach der Pause zum Schminkkabinett wird. Zwar wäre der Titelzusatz Liebe fordert Jugend heutzutage aus Rücksicht auf politische Korrektheit und Emanzipation höchstens ironisch meinbar. Doch das Stück hat kritischen Hintersinn.
Exzellent besetzt
Also will die „Alte“ sich die vom Begehrten offensichtlich so geschätzte Jugend ins Gesicht malen. Eine Arie widmet sie Bleiweiß für die Stirn und Zinnober für die Lippen, preist – eine von vielen Metaphern – die Intensität des Sonnenuntergangs gegenüber der Morgenröte. Dabei hat Camilla de Falleiro keinerlei Anlass, ihrer Lisarda solche Komplexe einreden zu lassen. Sie ist vokal kräftig und klar und exzellent besetzt. Ebenso Alice Borciani als Celia, deren unter üppigstem Tüll verborgene Unschuld sich schließlich ein wenig Bauchfreiheit gönnt. Countertenor Gabriel Diaz seinerseits macht der in sich kleinräumig höchst verspielten Komposition gesanglich so viel Ehre wie A Corte Mucial instrumental. So ein Feuer, wie es das energiegeladene Team in einigen Zwischenspielen entzündet, lassen die gemessenen Partien aber kaum je zu.

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Marianis wiederentdeckter „La Lisarda“ Es soll vorkommen, dass sich Frauen plötzlich wie ihre Töchter kleiden, ein paar Kilos verlieren und tief in den Kosmetikkoffer greifen, nur um dem gutaussehenden – natürlich jungen – Liebhaber des eigenen Nachwuchses nicht als alte Schachtel entgegenzutreten. So ein zweiter Frühling wird auf Kosten des eigenen Kindes gelebt. Das führt unweigerlich zu familiären Konflikten – offensichtlich auch schon vor mehr als 350 Jahren.
In Grein hat man im Rahmen der Donaufestwochen Strudengau dieses Thema nach Noten Giovanni Battista Marianis aufgegriffen und dessen 1659 in Rom uraufgeführtes „Scherzo drammatico“ als Sommeroper beeindruckend aufs Programm gesetzt. Lisarda verliert viel – den Geliebten und an ihn ihre Tochter. Somit steckt vielmehr in dem kleinen heiteren Drama, nämlich das Loslassenkönnen und das Eingestehen, dass die Liebe doch nur etwas für die Jugend sei – amor vuol gioventù! Doch bevor alle drei Charaktere – Mutter Lisarda, Tochter Celia und Medoro, das Objekt der Begierde – ihre Positionen neu bestimmen und die Jungen den Segen der Älteren bekommen, zünden viele hoch emotionale und auch – sonst wäre es ja kein Scherzo – komische Szenen.
Behutsam ins Jetzt verlegt Manuela Kloibmüller ist es trotz der italienischen Sprache großartig gelungen, in einer sehr praktikablen und optisch ansprechenden Ausstattung von Isabella Reder die Familienaufstellung perfekt zu inszenieren. Sie zeichnet die Charaktere fein und verlegt das Stück behutsam in die Gegenwart. Marianis Musik lebt von einem sehr geschickten Wechsel von rezitativischen und ariosen Abschnitten, die den Affekt gekonnt treffen. Rogério Gonçalves setzte dafür eine große Continuogruppe ein, deren klangliche Vielfalt er mit viel Gespür den einzelnen Szenen und Personen zuordnete. So werden die für die Oper dieser Zeit ausgedehnten Rezitative nicht langweilig, sondern leben von der ständigen Variation, aber auch vom genauen Studium der textlichen und musikalischen Aussage.
Nur zwei Violinen sind für die Melodiestimmen im insgesamt meisterlich agierenden Ensemble von A Corte Musical verantwortlich, die anderen swingen bisweilen höchst schwungvoll als perfekt tonangebender Generalbass.
Die Auswahl der Sängerinnen und des Sängers ist ideal, denn allen drei gelingt es, nicht bloß musikalisch, sondern auch schauspielerisch zu überzeugen. Allen voran Camilla de Falleiro als mitten in der Krise steckende Mutter Lisarda, deren Gemütsschwankungen wie hitzige Wallungen auf sie hereinzubrechen scheinen und für die ein oberflächliches Make-up nicht ausreicht. Nicht minder präsent Alice Borciani als zunächst kindhaft in Petticoats gehülltes, schüchternes Mädchen, das sich aber bald gegenüber der Mutter emanzipiert. Als gar nicht einmal so hin und her gerissener, sondern sich vor den Übergriffen Lisardas schützender Medoro begeistert der spanische Countertenor Gabriel Diaz, der vor allem stimmlich und im Einsatz seines Charmes mehr als nur punkten konnte. Eine Aufführung, die nicht nur dem Publikum, sondern allen Beteiligten sichtlich Spaß machte und ein längst vergessenes Kleinod der frühen Operngeschichte reanimiert hat – zumindest war es die österreichische Erstaufführung nach 358 Jahren.
Unbedingt anschauen!