Manuela Kloibmüller

LA LISARDA ovvero Amor vuol gioventù

Lisarda
oder
Die Liebe begehrt die Jugend

Giovanni Battista Mariani (1634-1697)
Scherzo Drammatico in drei Akten
Text von Lodovico Cortesi
Uraufführung: Rom 1659, Palazzo Conti

A Corte Musical
Rogério Gonçalves – Musikalische Leitung
Manuela Kloibmüller – Inszenierung
Isabella Reder – Bühne und Kostüme

Lisarda – Dame der Gesellschaft – Camilla de Falleiro
Celia – Tochter der Lisarda – Alice Borciani
Medoro – Liebhaber der Celia – Gabriel Díaz

„La Lisarda“ ist ein „Scherzo Drammatico“ – ein böser Scherz und eine charmante Oper für drei Stimmen aus dem italienischen Hochbarock. Giovanni Battista Mariani schrieb die Musik zum Libretto von Lodovico Cortesi da Rimini für den römischen Karneval 1659, eine Zeit der verkehrten Welt in der Dienstboten zu „Herrschaften“ und die hohe Gesellschaft „geknechtet“ wurden.

Eine nicht mehr ganz junge Dame, Lisarda, liebt so unmöglich wie aufdringlich, den jungen Medoro. Der aber verehrt seinerseits das schöne Fräulein Celia, die, Überraschung, sich als die Tochter der Lisarda entpuppt. Wie nun soll das nur enden? Die Dreiecksbeziehung nimmt ihren Lauf und mit viel Witz und mit boshaften Augenzwinkern nimmt die Oper menschliche Schwächen aufs Korn und das Publikum darf sich diebisch amüsieren.

Dieses Schmuckstück wiederzuentdeckender Barockliteratur von Giovanni Battista Mariani „eröffnete in Rom das Genre der galanten Operette, das gegen 1680 Erfolge feiern sollte“ – Viterbo 1659, Florenz 1662, Bologna 1664 … und 2017 auf Schloss Greinburg!

La Lisarda 1. Akt – Mitschnitt
La Lisarda 2. Akt – Mitschnitt
La Lisarda 3. Akt – Mitschnitt


Fotos: Reinhard Winkler

Wenn die Mutter in der Midlife-Crisis steckt

OÖ Nachrichten – Michael Wruss
Bewertung ******

Es soll vorkommen, dass sich Frauen plötzlich wie ihre Töchter kleiden, ein paar Kilos verlieren und tief in den Kosmetikkoffer greifen, nur um dem gutaussehenden – natürlich jungen – Liebhaber des eigenen Nachwuchses nicht als alte Schachtel entgegenzutreten. So ein zweiter Frühling wird auf Kosten des eigenen Kindes gelebt. Das führt unweigerlich zu familiären Konflikten – offensichtlich auch schon vor mehr als 350 Jahren. In Grein hat man im Rahmen der Donaufestwochen Strudengau dieses Thema nach Noten Giovanni Battista Mariani aufgegriffen und dessen 1659 in Rom uraufgeführtes „Scherzo drammatico“ als Sommeroper beeindruckend aufs Programm gesetzt. Lisarda verliert viel – den Geliebten und an ihn ihre Tochter. Somit steckt vielmehr in dem kleinen heiteren Drama, nämlich das Loslassenkönnen und das Eingestehen, dass die Liebe doch nur etwas für die Jugend sei – amor vuol gioventù! Doch bevor alle drei Charaktere – Mutter Lisarda, Tochter Celia und Medoro, das Objekt der Begierde – ihre Positionen neu bestimmen und die Jungen den Segen der Älteren bekommen, zünden viele hoch emotionale und auch – sonst wäre es ja kein Scherzo – komische Szenen.
Behutsam ins Jetzt verlegt Manuela Kloibmüller ist es trotz der italienischen Sprache großartig gelungen, in einer sehr praktikablen und optisch ansprechenden Ausstattung von Isabella Reder die Familienaufstellung perfekt zu inszenieren. Sie zeichnet die Charaktere fein und verlegt das Stück behutsam in die Gegenwart. Marianis Musik lebt von einem sehr geschickten Wechsel von rezitativischen und ariosen Abschnitten, die den Affekt gekonnt treffen. Rogério Gonçalves setzte dafür eine große Continuogruppe ein, deren klangliche Vielfalt er mit viel Gespür den einzelnen Szenen und Personen zuordnete. So werden die für die Oper dieser Zeit ausgedehnten Rezitative nicht langweilig, sondern leben von der ständigen Variation, aber auch vom genauen Studium der textlichen und musikalischen Aussage. Nur zwei Violinen sind für die Melodiestimmen im insgesamt meisterlich agierenden Ensemble von A Corte Musical verantwortlich, die anderen swingen bisweilen höchst schwungvoll als perfekt tonangebender Generalbass.
Die Auswahl der Sängerinnen und des Sängers ist ideal, denn allen drei gelingt es, nicht bloß musikalisch, sondern auch schauspielerisch zu überzeugen. Allen voran Camilla de Falleiro als mitten in der Krise steckende Mutter Lisarda, deren Gemütsschwankungen wie hitzige Wallungen auf sie hereinzubrechen scheinen und für die ein oberflächliches Make-up nicht ausreicht. Nicht minder präsent Alice Borciani als zunächst kindhaft in Petticoats gehülltes, schüchternes Mädchen, das sich aber bald gegenüber der Mutter emanzipiert. Als gar nicht einmal so hin und her gerissener, sondern sich vor den Übergriffen Lisardas schützender Medoro begeistert der spanische Countertenor Gabriel Diaz, der vor allem stimmlich und im Einsatz seines Charmes mehr als nur punkten konnte. Eine Aufführung, die nicht nur dem Publikum, sondern allen Beteiligten sichtlich Spaß machte und ein längst vergessenes Kleinod der frühen Operngeschichte reanimiert hat – zumindest war es die österreichische Erstaufführung nach 358 Jahren. Unbedingt anschauen!