Topalovic & Söhne

topalovic // & söhne
BALKANOPERETTE

Dimitré Dinev/ Nebojša Krulanović /
Dušan Kovačević

URAUFFĂśHRUNG 3. OKTOBER 2014

REGIE // MANUELA KLOIBMĂśLLER
MUSIKALISCHE LEITUNG // NEBOJĹ A KRULANOVIC
AUSSTATTUNG // CARO STARK
MUSIK // JAZZWA
THEATER AN DER ROTT // EGGENFELDEN

Maulwurfshügel der Totengräber ! „Topalovic“ an der Rott

Raimund Miesenberger, Passauer Neue Presse

Er hat eine Menge richtig gemacht, der Eggenfeldener Intendant Karl M. Sibelius, der seit 2012 das Theater an der Rott leitet und nach nur zwei Jahren Führungserfahrung ans strukturell und baulich sanierungsbedürftige Theater nach Trier berufen wurde. Am Freitagabend hat er seine dritte und letzte Spielzeit im Rottal mit der Uraufführung der selbst in Auftrag gegebenen Balkanoperette „Topalovic und Söhne“ begonnen. Das füllt zwar nicht das Haus wie Lehár oder Strauß, aber es lockt neues und neugieriges Publikum an. Dieses kommt und staunt: über die Ruckzuck-Werkeinführung 15 Minuten vor Beginn, über das kreative Spielzeitheft in Schatzkistenformat ! und über den netten Sitznachbar mit Radio- Mikrofon. Denn BR Klassik berichtet am Dienstag, 7. Oktober, um 22.05 Uhr über die Uraufführung.
Chuzpe und Marketingverstand
Serviert wird dem Publikum eine makabre, vogelwilde Boulevard-Komödie mit viel Musik, die Dimitre Dinev nach dem Stoff des serbischen Film „The Marathon Family“ von Dusan Kovacevic geschrieben hat. Das Ganze „Balkanoperette“ zu nennen, als habe man soeben ein neues Genre entdeckt oder gegründet, zeugt von einiger Chuzpe und noch mehr Marketingverstand. Als mit 146 Jahren ! endlich, wie die Söhne, Enkel, Urenkel und Ururenkel finden ! der Gründer der seit 120 Jahren florierenden Totengräberfirma „Topalovic und Söhne“ stirbt, bricht unter den Männern der folgenden Generationen ein Kampf um Macht, Geld und geld-affine Weibchen aus. Das ist genauso abgedreht, wie es klingt. Die Linzer Regisseurin Manuela Kloibmüller bringt die mafiöse Familiengeschichte in zweieinhalb kurzweiligen Stunden auf die Bühne und betont das Makabre, das Tempo, den rüden Humor („Solange ein Mensch lebt, ist er groß; sobald er tot ist, ist er nur noch lang“). Wenn auch Lana Cencic und Armin Stockerer sängerisch weit herausragen: Die musikalische Seite des Abends funktioniert organisch und auf hohem Niveau: Leiter Nebojsa Krulanovic hat für seine Band Jazzwa (die anstelle eines Orchesters im Graben sitzt und der auch Regisseurin Kloibmüller angehört) farbenreiche, groovende, komplexe und durchaus mal wiederborstige Musiknummern geschrieben, die stets in sicherer Entfernung zum domestizierten Quadro-Nuevo-Balkan-Sound bleibt.

Emotional Balkan-Operette

Ur-Auffühurng von topalovic // & söhne am Theater an der Rott
Holger Becker, Wochenblatt

Mit der Ur-Aufführung der Balkan-Operette „topalovic // & söhne“ eröffnete das Theater an der Rott am 3. Oktober die aktuelle Spielzeit. Autor Dimitre Dinev hat aus dem Vorlagenstoff des serbischen Kinoklassikers „Die Marathonläufer laufen eine Ehrenrunde“ eine turbulente Mafia-Komödie rund um eine Bestatter-Familie und mit großartiger Musik vom Balkan geschaffen.
(…) Regisseurin Manuela KloibmĂĽller ist es gelungen, dass das Ensemble genau die Leidenschaft versprĂĽht, die die Menschen vom Balkan so charakterisiert: Innerhalb von Sekunden wechseln die Emotionen: Eben noch gekĂĽsst, im nächsten Moment mit dem Messer oder der Pistole bedroht. Und immer wieder gehört natĂĽrlich Schnaps zwischendurch zur Versöhnung.
Und dann die Musik: die Band „Jazzwa“ ist der wahre Höhepunkt dieser Balkan Operette. Kein Wunder, dass sie am Ende bei der Premiere den größten Applaus erhielt. Die folkloristischen Klänge, die das Lebensgefühl vom Balkan so treffend widerspiegeln, waren ein absoluter Genuss.
Fazit: „topalovic // & söhne ist eine Mischung aus Operette und makabrer Mafia-Komödie, mal derb, mal traurig, mal euphorisch und voller Temperament.(…) Wer eine flotte Operette erleben will, ist hier sicher richtig, denn die Musik und die leidenschaftlichen und gesanglich guten Darsteller reiĂźen einfach mit.

„Topalovic & Söhne“: Immun gegen den Tod

Karl M. Sibelius eröffnet mit der Balkanoperette seine dritte Spielzeit im Theater an der Rott Eggenfelden
Bernhard Doppler, DER STANDARD

Für die Operette ein wohl ungewöhnliches, makabres Finale: Nach einem Massaker treffen sich alle Figuren im Jenseits. Topalovic & Söhne ist ein Belgrader Bestattungsunternehmen und die Familie, der es gehört, ungewöhnlich langlebig, denn der Umgang mit dem Tod scheint sie immun gegen das Sterben gemacht zu machen; als mit 156 Jahren der agile Ururgroßvater plötzlich stirbt, brechen
Erbstreitigkeiten auf. Zwar wirft das Geschäft mit dem Tod sichere Renditen ab, doch Verbrennungsöfen als neue Geschäftsidee sind bei den Topalovic umstritten oder kriminell, wie das Recyceln von Särgen, die man sich zuvor von Grabräubern ausbuddeln lässt.
Topalovic & Söhne geht auf den serbischen Kultfilm Die Marathonläufer laufen die Ehrenrunde zurück, der eine Verfilmung eines erfolgreichen Dramas des Emir-Kusturica- Drehbuchautors Dusan Kovacevic aus den 70er-Jahren ist.
Für die neuerliche Bearbeitung als Balkanoperette hat der in Bulgarien geborene österreichische Schriftsteller Dimitri Dinev die Rollen der beiden Frauen gegenüber dem männerdominierten Familienunternehmen aufgewertet und das ursprünglich in den 30er-Jahren spielende Geschehen in die Gegenwart versetzt. Kein serbischer Theaterdirektor will die schöne Lana zur Darstellerin eines Pornofilms machen, sondern ein amerikanischer Soldat, dessen Flugzeug beim Nato-Einsatz im Jugoslawienkrieg abgeschossen wurde. Er taucht unter und
verbrüdert sich bald mit der mafiösen Familie Topalovic. Mit der Balkanoperette eröffnet Karl M. Sibelius, ehe er 2015 als Intendant nach Trier wechselt, seine dritte Spielzeit im Theater an der Rott. Dem kleinen Landkreistheater im 13.000 Einwohner zählenden niederbayrischen Ort Eggenfelden hatte Sibelius rasch überregionale Aufmerksamkeit verschafft, weil er konsequent einen Dreispartenbetrieb durchgezogen und dabei Formate wie Wirtshausoper, Stuben- und Kammeroper entwickelt hat.
Topalovic & Söhne ist bestimmt von der Musik, die Nebojsa Krulanovic für die Band Jazzwa komponierte. Komponiert ist das Geschehen für Schauspieler und Sängerinnen, wobei Lana Cencic besonderen Eindruck macht.
Effektvolle Pinkelpause
Als Amerikaner Danko ist Sebastian Gerasch ein Operettenstrizzi. Auch die deutschsprachigen Schauspieler singen serbokroatisch, und vielleicht wäre die Operette in einem Balkanvereinslokal noch besser aufgehoben gewesen als auf
der Guckkastenbühne. Regisseurin Manuela Kloibmüller siedelt das Geschehen in einem mit Teppichen ausgelegten Einheitsbühnenbild an, darin Krematoriumsofen und im Bühnenboden Särge. Zwar lassen sich mafiöse Geschäftspraktiken nicht so deutlich abgrenzen, aber selbst Autofahrten sind durchaus bühnenwirksam, eine Pinkelpause des Urgroßvaters (Lorenz Gutmann) eine der
effektvollsten Nummern. Dennoch: Bei allem Humor bleibt das Lachen ĂĽber das Balkangrab im Halse stecken.