Manuela Kloibmüller

Thomas Bernhard überlässt nichts dem Zufall...

Theaterwissenschaftliche Arbeit über
Thomas Bernhard “Der Theatermacher”
Universität Wien
Mag. Manuela Kloibmüller

Einleitung

Man möge den populärwissenschaftlichen Titel dieser Arbeit verzeihen und doch gibt es keine treffendere Bezeichnung für die Auswahl der behandelten Themen. Man muß genau hinsehen und nachlesen, um die vielen kleinen verborgenen Details zu entdecken, mit denen Thomas Bernhard sein reiches Wissens um Theater, Musik, Kunst allgemein oder Philosophie vermittelt und unscheinbar im Hintergrund Wissen aus verschiedenen Bereichen zu einem verblüffendes Netzwerk verknüpft. Alles ist gesagt mit Bruscons (Hauptprotagonist des Stückes: Theaterdirektor, Vater, grantelnder Philosoph) Aufzählung: Shakespeare, Voltaire, Bruscon.

In dieser Auseinandersetzung mit Thomas Bernhard „Der Theatermacher“ geht es vor allem um besondere Hintergründe in seinem Werk, die man sowohl bei der Lektüre als auch bei der Aufführungsbetrachtung leicht übersehen kann. In dieser Arbeit soll auf einige der vielen kleinen Details eingegangen werden, es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, auch die Auswahl folgt keinem systematischen Prinzip. Es soll auch keine Betrachtung über Thomas Bernhards persönliche Affinität zum Theater und die Beziehung seiner Person zur Bühne sein.

Auf Spurensuche nach Elementen der Commedia dell´arte begibt sich der erste Teil der Arbeit. Auf Volkstheater und Maskenspiel im „Das Rad der Geschichte“, auf Hinweise nach Bruscons Vorfahren, auf die Wahl des Spielortes, auf die Bedeutung von Essen und auf seine Liebe zum Komponisten und Pianisten Ferruccio Busoni soll eingegangen werden, immer mit einem Auge auf Parallelen zur volkstheatralischen Tradition, ohne jedoch Thomas Bernhard und seinen Theatermacher als Fortsetzung dieser in ein Korsett drängen zu wollen.

Im zweiten Teil der Arbeit wird der Blick für die Besonderheiten geschärft, die sich hinter einer recht strengen Form von Ort, Zeit und Handlung verbergen, ohne jedoch das Stück einer formalen Analyse zu unterziehen.

Auf den Spuren der Commedia dell´arte

Das Rad der Geschichte
Ausstattung „Das Rad der Geschichte“: Spezialvorhänge für Fenster, Theatervorhang aus Samt, eine Leiter, ein Paravant, ein Portal, eine Maskenkiste mit Masken und Kostümen, grünes Bühnenlicht und ein Tonbandapparat mit Musik von Verdi und Mozart

In Bruscons Ausführungen erfährt man nichts Konkretes über die Handlung in seinem Stück „Das Rad der Geschichte“, das aufgeführt werden soll, aber er läßt zahlreiche Persönlichkeiten der Geschichte auftreten und in einem grotesken Miteinander auf der Bühne erscheinen. So gibt es Hinweise darauf, dass Churchill stirbt und vor seinem Tod „Elba“ (Napoleon) sagt, Hitler trifft Napoleon, Goethe erleidet einen Herzanfall, Lady Churchill trägt rote Schuhe, Metternich trifft Napoleon auf Sansibar, es gibt eine Zwischenaktmusik, diesmal soll es Verdi sein (heute nicht Mozart), auch werden in den Proben zum Stück nichtssagende Zitate vorgebracht.

Ferruccio: Beleidige mich nicht, ich schieße ja nicht auf ihn

Interessant ist hier die Verschachtelung der Theaterebenen. Thomas Bernhard spielt an auf ein “theatrum mundi”, das besagt die ganze Welt ist Bühne, dargestellt durch Bruscons „Das Rad der Geschichte“ in dem er viele historische Persönlichkeiten in scheinbarer ungeordneten Weise miteinander auftreten läßt und sich über sie lustig macht. Die zweite Ebene ist die Bühne im Theater mit echtem Publikum und schließlich die dritte Ebene die heruntergekommene Saalbühne im Stück und ihr Publikum, das nach der Nachricht über eine Katastrophe im Pfarrhof den Saal fluchtartig verlässt. Bernhard zeigt, dass das echte Leben noch immer mehr Bühne ist als das Theater, er spielt an auf seine Meinung, dass das Theater eine unbrauchbare Kunstform ist und hält dem Theaterpublikum den Spiegel vor das Gesicht.

Es ist schwer zu beantworten ist, ob es sich beim Theatermacher um eine Komödie oder Tragödie handelt, „Das Rad der Geschichte“ ist ein Spiegelbild dazu. Bruscon nennt das Stück eine Menschheitskomödie, die eigentlich eine Tragödie ist und bezeichnet sie schließlich als Schöpfungskomödie und Jahrhundertwerk.

Über die Inszenierung von „Das Rad der Geschichte“ erfährt man wenig, es gibt kaum Bühnenausstattung, weil es leicht auf und abbaubar sein muß, aber es gibt eine große Kostümkiste mit bunten Kostümen und Masken. Die vielen berühmten Persönlichkeiten werden durch Masken dargestellt, man erfährt von einer Cäsarmaske. Thomas Bernhard entscheidet sich hier für ein Element, dass man aus der Commedia dell´arte kennt. In einem Buch von Giorgio Strehler über das Theater schreibt dieser über die Verwendung der Maske:

„Mit der Maske sind wir an der Schwelle des Theatergeheimnisses, wachen die Dämonen wieder auf, die unbeweglichen, unwandelbaren Gesichter, die zum Ursprung des Theaters gehören.“ 1)

Diese Dämonen hat Thomas Bernhard genannt besonders Cäsar, Napoleon, Hitler, Machthaber, Despoten, die immer wieder auftreten in einem ewigen Rad der Geschichte, unbeweglich und nicht erkennbar, weil die Menschen nur die Maske sehen. Dazu Rudolf Münz:

„Dem teatro dell´arte ging es vor allem um die Erhellung der Internalisierung des sozialen Rollenspiels, um die Entlarvung der Maskenhaftigkeit des Lebens durch Masken. Erst unter diesem Blickwinkel wird seine unerbittliche Bekämpfung oder seine geschickte „Aufhebung“ ins Bürgerliche oder aber sein Untergang verständlich.“ 2)

Elemente der Commedia dell´arte im Theatermacher

Thomas Bernhard Theatertexte besitzen ein großes komödiantisches Potential, vor allem Situationskomik, die man zurückführen kann auf die volkstheatralen Lazzis der Commedia dell´arte. Lazzi, des Wort, das auch in den Wiener Dialekt Eingang gefunden hat („Mach keine Lazzi“) bedeutet soviel wie komische Szene, eine besondere Rolle spielt dabei das Essen. Die berühmte Thomas Bernhard Frittatensuppe, die Bruscon als Existenzsuppe bezeichnet und der Leberknödelsuppe vorzieht verleitet zum Lachen, besonders beim Gedanken an die Uraufführung mit Traugott Buhre, der das Wort Frittatensuppe in unnachahmlicher Weise betonte.

So iß doch
eine so gute Suppe
hat es schon lang nicht gegeben
eine so gute Frittatensuppe
Erna fängt heftig zu kehren an und wirbelt
Ungeheuren Staub auf
Alle fangen zu husten an

Eine Reihe von Lazzis sind in der Commedia dell´arte entstanden, um den unbändigen Hunger der immer hungrigen Zannis zu stillen. Die direkte Regieanweisung vom vielen Staubaufwirbeln und Husten ist ein zusätzliches komisches Element und verweist genau in die Richtung der Lazzis. Die gedanklichen Parallelen, die hier immer wieder mit der Commedia dell´arte entstehen, sollen nicht nur zufällig gezogen werden, den Grund liefert Bernhard selbst, indem Brsucon erzählt:

Leidenschaft für die Kunst (…)
Mein Großvater mütterlicherseits
müssen Sie wissen
ein Auswanderschicksal
aus Bergamo über die Alpen (….)
Der große Bruscon hat seine Herkunft nie verschwiegen.

Aus Bergamo, die Stadt der Lastenträger, stammen ursprünglich die Zannis, die komischen Diener, darunter der berühmteste der Arlecchino, die zentrale Figur der Commedia dell´arte.

„Der bergamesker Akzent verriet ihre Herkunft, wie ja auch die übrigen Masken-Typen der Commedia dell´arte ihre regionale Sprachfärbung ins Spiel brachten. Auf ihren Wanderzügen überquerten die Italiener bereits seit dem 16. Jhd. die Alpen, begeisterten mit ihrer köpersprachlichen Virtuosität und ihren bunten Typenkostümen auch das deutschsprachige Publikum, (…)“ 3)

Eigentlich ist die Familie Bruscon eine Wandertruppe, ein fixes Ensemble bestehend aus Bruscon dem Prizipal, seiner Frau Agathe und ihren beiden Kindern Ferruccio und Sahra, die neben ihren Aufgaben als Schauspieler auch die Technik, den Bühnenbau und das Kostümwesen über haben. Es stellt, wenn auch einen stilisierten und nach Thomas Bernhard Manier übertriebenen Theateralltag einer Wandertruppe dar, die durchaus als professionell zu bezeichnen ist. Von Bruscon selbst erfährt man, dass er ursprünglich Staatsschauspieler war und seine Familie in der Schauspielkunst unterrichtet hat. Hierin kann man wieder eine Parallele zu den Wanderbühnen der Commedia dell´arte ziehen, die als erste professionelle Truppen durch die Lande zogen und die Commedia dell´arte von Italien aus bis nach Frankreich, Deutschland, Österreich und weiter trugen.

Ferruccio Busoni

Ein anderer berühmter Italiener neben dem Arlecchino im Theatermacher ist Ferruccio Busoni.

Bruscon zu Ferrruccio
Du schweigst
Nichtsnutz
Antitalent
Ferruccio
weil ich Busoniverehrer bin
aber du gereichst Busoni dem Genie
nicht zur Ehre

Eine wichtige Figur im Gefüge des Theatermachers, und dem trägt Thomas Berhard mit der Namensgebung Brusons Sohnes Rechnung, ist der italienische Komponist Ferruccio Busoni (1866-1924). Dieser wurde bekannt als exzellenter Klaviervirtuose, Komponist, Lehrer, Arrangeur und Philosoph. Busoni war besonders interessiert an der Erneuerung der Musik, an der Förderung neuer Strömungen. Besonders in seinen Schriften „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ (1907) und „Von der Einheit der Musik“ (1922) setzt er sich ein für eine junge Klassizität. Sein Ziel war die Fortsetzung der klassischen und romantischen Musiktradition mit fortschrittlichen musikalischen Mitteln. Gefördert durch Rubinstein, Hanslick und Brahms, unterstützte er später selbst Bartók , Schönberg und Jarnach. Busoni war ein sehr weitblickender, enthusiastischer Musiker mit einer besonderen Affinität zu Mozart, den er als seinen Lieblingskomponisten bezeichnet. Die Pausenmusik zur „Das Rad der Geschichte“ die von Bruscon definiert wird, könnte hier eine Parallele aufzeigen:

Sehr gut
ganz ausgezeichnet
Zwischen den Akten
spielen wir heute Verdi
nicht Mozart
Mozart nicht
hast du den Apparat ausprobiert

Weiters meint er dann:

Verdi
nicht Mozart
das wäre abgeschmackt

Das wäre Wahnsinn gewesen
hier in in in (…)
Hier in Utzbach
Mozart zu spielen
als Zwischenaktmusik
Verdi tut es auch
auch Verdi tut es
Italianità

Wie kaum ein anderer Künstler wird in Österreich Wolfgang Amadeus Mozart als größter Sohn der Nation gefeiert und verkauft. Dass Thomas Bernhard nun Ferruccio Busoni einsetzt und so über diesen Musiker auch auf das österreichische Thema Mozart deutet, ist eine mögliche Annahme. Die ganze Welt verbindet Österreich mit W. A. Mozart und als solcher wird er auch als Kulturexport vermarktet. Gerade um dem eine Absage zu erteilen, wendet sich Thomas Bernhard, indem er Bruson wählen läßt, weg von Österreich wieder Richtung Italien hin zu Guiseppe Verdi, Italien als Wiege des Theaters, als Heimat der Musik.

Der Italiener Ferruccio Busoni wird trotz seiner immensen Konzerttätigkeit bis zu seinem Tod und seinen zahlreichen Werken, beginnend von Orchesterwerken, Kammermusikstücken, Bearbeitungen für Klavier und Opern „Die Brautwahl“, „Turandot“, „Arlecchino“, und „Doktor Faustus“ in unseren Breiten wenig gespielt und ist wenig bekannt.

Thomas Berhard erscheint im Theatermacher als exzellenter Musikkenner. Es stellt sich die Frage, warum gerade Busoni zum Namensgeber von Brusons Sohn Ferruccio wird. Weiters, ob es noch andere Hinweis gibt als eine Verehrung für einen großen Künstler. Eine nicht von der Hand zu weisende Tatsache ist, dass Busoni eine enge Verbindung mit dem Theater eingeht, wenn man die Stoffe seiner oben erwähnten Opern betrachtet. Alle seine Opernthemen sind berühmten Werken der Theatergeschichte entnommen, das stellt noch keine Besonderheit dar, da viele Opernstoffe aus der Theaterliteratur stammen z. B. Verdi – Macbeth, uva. Die Besonderheit bei Bruscon liegt aber wieder im Bezug zur Comedia dell´arte.

„Turandot“ ursprünglich von Carlo Gozzi ist die Geschichte der klugen männerfeindlichen Prinzessin Turandot verarbeitet mit komödiantischen Einlagen, in denen vier Typen der Comedia dell´arte agieren. Carol Gozzi (1720-1806) kämpfte um die Erhaltung der alten Tradition, er wollte die Comedia dell´arte mit ihren Maskentypen und Stegreifspielen erhalten und wirkte gegen deren Auflösung und Entwicklung hin zur Charakterkömodie durch Autoren wie Carlo Goldoni oder Moliere. Der Stoff wurde dann viel später von Friedrich Schiller für Weimar 1802 bearbeitet und die vorhandenen Stegreifstellen voll ausgeführt.

In „Arlecchino“, eine Oper in einem Akt, würdigt Busoni die berühmteste Figur der Comedia dell´arte. Er komponierte bei dieser Oper nicht nur die Musik sondern trat auch gleichzeitig als Librettist in Erscheinung, wie auch bei „Doktor Faustus“.
Man kann im Theatermacher über Ferruccio Busoni also wieder die Spur nach Italien und zur Comedia dell´arte verfolgen.

Ein Zitat zu Doktor Faustus aus dem Theatermacher:

Sagen Sie dem Feuerwehrhauptmann
ich bin Bruson
der Staatsschauspieler Bruscon
der in Berlin den Faust
und in Zürich den Mephisto gespielt hat

Es ist an dieser Stelle noch einmal interessant zur Musikalität zurück zu kehren, die Bernhard, Busoni und Bruscon verbindet, denn schließlich sagt uns Bruscon:

Früher hat mich Musik interessiert
heute nicht mehr
Ich interessiere mich mehr
für das Schweigen
und für die Wortkunst natürlich
für die Wörter
und für das Schweigen dazwischen
das ist es

Ein kleiner Exkurs, der nicht nur Thomas Bernhards direktes Interesse an Musik dokumentiert, sondern ihn selbst als Musiker und Komponisten ausweist, soll an dieser Stelle stehen. Musik und Musikalität hat bei Thomas Bernhard einen besonderen Stellenwert, er agiert praktisch als Sprachkomponist. Thomas Bernhard segmentiert den Text zeilenweise, wobei diese nur selten der syntaktischen Struktur entspricht und er verzichtet auf jegliche Interpunktion. Zur Bemessung der Satzgrenzen dient die Großschreibung. Man gewinnt den Eindruck Bernhard spielt mit der Form und erweckt durch die verfremdete Druckanordnung den Anschein einer gewissen Verssprache, die wiederum der Musik näherkommt als Prosa.

Die Großschreibung kann als musikalisches Atemzeichen oder Pausenzeichen betrachtet werden, durch die kurzen oftmals wiederholten Wort- und Satzteile erreicht Thomas Bernhard wie in der Musik Stockungen oder Beschleunigungen, die Pausen zwischen seinen oft sprunghaft geäußerten Gedankengängen, Verzögerungen und Nachträge im Dialog ergeben ein sehr musikalischen Sprachsituation. Die Fragmentierung der Sprache ist sprachrealistisch begründet, es erscheint als eine gestoßene Rede, gesprochene Sprache ist reich an syntaktischen Anomalien, es stellt eine inszenierte Sprechsprache dar, vergleichbar mit einem Musikstück.

Zeit – Ort – Handlung

Der Schauplatz im Theatermacher ist wie sonst häufig bei Bernhard die österreichische Provinz. Alle vier Szenen des Stückes spielen im Tanzsaal des „Schwarzen Hirschen“ in Utzbach, eine fiktive, ländliche durch Silo und Schweinegestank definierte Innviertler Gemeinde mit 280 Einwohnern, wobei das Utzbach für alle Gemeinden steht mit einem Wirtshaus, einer Kirche, einem Gemeindezentrum und einem Feuerwehrhaus. Bruscon unterstreicht die Auswechselbarkeit der Örtlichkeit durch die Aussage Utzbach wie Butzbach. In der Auswahl der Orte kann man durchaus biographische Züge im Theatermacher erkennen, da Thomas Bernhard in verschiedenen Orten dieses Landstreifens gelebt hat, so in Wallersee, Traunstein, Salzburg, Ettendorf, Maria Saal usw. Eine Irritation, durch das Anführen der bekannten Orte in Österreich entsteht, weil die Orte außer Utzbach tatsächlich existieren und das österreichische Publikum aus dem Wissen um die Verhältnisse feststellt, dass Bernhard übertreibt.

In Gaspoltshofen hatten sie
Das Notlicht gelöscht
In Frankenmarkt auch
Selbst in Ried in Innkreis
Das doch als einer der dümmsten Orte verschrien ist.

Utzbach ist eine Funktion, die Schauplätze sind austauschbar. Die Bedeutung der Orte ist ein wichtiger Bestandteil in Thomas Berhards Theater und verweisen im Theatermacher, indem er die Familie Bruscon gerade durch die Heimat Hitlers tingeln läßt, auf die Wurzeln des Nationalsozialismus im sehr katholischen Innviertel auf.

Dieser Ort ist eine Strafe Gottes
Tatsächlich gibt es hier nichts außer Schweinemastanstalten
und Kirchen
und Nazis

„So wie die Haßliebe zum heimatlichen Raum und zum jeweiligen Gebäude und vor allem zu deren Gesellschaft zwangsläufig ein gebrochenes Bild erzeugen, so stellt Bernhards Unvermögen, sich Österreich zu entziehen, einen westlichen Aspekt seines Werkes dar. Der heimatliche Raum in all seiner Abscheulichkeit und in seiner ganzen Anziehungskraft ist somit eine der Grundvoraussetzungen von Bernhards literarischen Schaffen, aber auch für sein Leben.“4)

Aus Thomas Bernhards direkten und indirekten Regieanweisungen ergibt sich das Bild eines trostlosen, muffigen Tanzsaales im Gasthaus „Schwarzer Hirsch“ in Utzbach, kein Portrait eines bestimmten Saales sondern er konstruiert sozusagen eine Idee eines solch typischen Saales:

„Saalbühne“ mit Podium ca. 15 Schritte breit, einige Fenster, , einige Tische auf dem Podium, ein paar Sesseln am Ende des Saales, Landschaftsbilder hinter Glas, ein verschmutztes Hitlerbild, Geweihe, kaputte Vorhänge, 40 Jahre nicht ausgemalt, staubig;

Bruscon nennt es:

bauliche Hilflosigkeit (…)
Wändescheußlichkeit (…)
Deckenfürchterlichkeit (…)
Türen und Fensterwiderwärtigkeit (…)
absolute Geschmacklosigkeit (…)

Die vier Szenen (die Aktzahl liegt genau zwischen die der Tragödien- und der Komödienform) beschreiben den Nachmittag und Abend an einem Dienstag – Dienstag ist Blutwursttag – im Jahr 1984 hergeleitet von St. Radegund neunzehnhundertvierundvierzig. Bruscon tritt in einer Art Exposition um drei Uhr in Begleitung des Wirtes in den Tanzsaal ein, nach und nach werden alle Personen des Stücks in der ersten Szene eingeführt. Die auffällige Einheit von Zeit – Ort – Handlung und die Einführung der Personen lassen auf ein Spiel mit den Regel des klassischen Dramas schließen. Der Schauplatz wird nicht gewechselt, die Zeitspanne erstreckt sich innerhalb weniger Stunden und Nebenhandlungen sind nicht vorhanden.

Im Gegensatz zur strengen Form wird Thomas Bernhard oft als Theaterzerstörer tituliert, weil er keine Entwicklung in der Handlung, im Charakter, im echten Dialog zuläßt. Er porträtiert eine groteske Situation, die Hauptfigur Bruscon verkörpert eine Funktion, einen Typus Mensch, sozusagen einen Rollentypus.

Religiöse Codes ?

Interessant sind die verschiedensten Zeitangaben, die Thomas Bernhard im Stück zum Teil direkt, zum Teil indirekt durch Ausführungen Bruscons angibt. Um drei Uhr betritt Bruscon den Tanzsaal, jeweils eine halbe Stunde später beginnt die zweite und dritte Szene, das heißt um 15.30 und um 16.00 Uhr. Es werden drei Szenen im Abstand von je einer halben Stunde abgespielt.
Die Schweine werden regelmäßig um halb sechs gefüttert, um sechs Uhr wird die Beleuchtungsprobe angesetzt und um halb neun wurden die Schweine in Mattighofen gefüttert und zerstörten das ganze Stück.
Schließlich erzählt uns Bruscon noch, dass er neun Jahre an seinem Stück „Das Rad der Geschichte“ geschrieben hat, bevor er die Menschheitstragödie beenden konnte.
Diese Häufigkeit der Zahlen drei und seiner Vielfachen sechs und neun und auch das bewußt Mitteilen der genauen Uhrzeit, obwohl die für das Stück relativ unbedeutend ist, abgesehen davon, dass Theaterstücke eher abends stattfinden, ist auffallend. Ein Zusammenhang besteht möglicherweise mit der christlichen Religion, in dieser wie in anderen Religionen gilt die Drei als Inbegriff der Vollkommenheit und ist deshalb eine heilig Zahl.

Die Besonderheit des christlichen Glaubens ist der Glaube an den einen Gott in drei Personen. Die Bezeichnung „Dreieinigkeit“ betont die Einheit der göttlichen Personen, die Bezeichnung „Dreifaltigkeit“ ihre Verschiedenheit. In Bezug auf Gott kennen wir die Dreifaltigkeit Gottes: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Im alten Testament gibt es eine Reihe von Beispielen für die Besonderheit der Zahl drei. Jona war drei Tage im Bauch eines Fisches (vgl. Jona 2,1), das wurde als Sinnbild für Jesu Tod und seine dreitägige Grabesruhe gedeutet.
Was bedeutsam ist und wirken soll, geschieht oft dreifach: dreifacher Fluch, dreifache Bitte, dreifaches Lob und Gebet, es kommen drei Könige das Kind in der Krippe zu sehen, als die drei göttlichen Tugenden gelten Glaube, Liebe und Hoffnung, es heißt Jesus sei am dritten Tage auferstanden von den Toten. Die Drei steht auch für die Familie, also Vater, Mutter und Kind.

Die Christen betrachten die Zahl 666 als Zahl des Bösen oder des Satans. Dies stammt aus der Apokalypse.

Die Neun entspricht der höchsten Schwingung, die es geben kann und steht für die Vollkommenheit und göttliches Bewußtsein. Sie enthält die 3 × 3. Zahlen, die die 3 und die 9 enthalten, haben immer eine sehr göttliche Relevanz.

Es gibt noch eine Reihe von Bezügen zur christlichen Religion und zu anderen teils sehr unwissenschaftlichen, esoterischen Bereichen, in denen die Zahlen drei/sechs/neun ein Rolle spielen.

Es gibt jedoch einen besonderen Zusammenhang zwischen Thomas Bernhard „Der Theatermacher“, der Zahlen drei/sechs/neun und der christlichen Religion. Die Betonung bei Thomas Bernhard liegt im häufigen Mitteilen der Uhrzeit 15.00 Uhr, 18.00 Uhr, 21.00 Uhr, in Österreich sagt man um drei, sechs und neun.
Nun dazu ein Zitat aus dem Evangelium nach

Matthäus 27,45-47
Der Tod Jesu
Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis ganzen Land. Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

In den Evangelien nach Markus, Lukas und Johannes sind der fast identische Wortlaut zu finden, es ist immer die Feststellung von der sechsten bis zur neunten Stunde die Rede, dann starb Jesus am Kreuz. Ein Detail, das weniger relevant erscheint, sich jedoch vielleicht nicht ganz zufällig findet ist, dass mit der sechsten und der neunten Stunde nicht 18.00 und 21.00 Uhr gemeint ist, sondern für unsere Zeitrechnung 15.00 Uhr und 18.00 Uhr, also die Spanne im Theatermacher von Auftreten Bruscons bis zur Beleuchtungsprobe. Die Diskussion um die Beleuchtung spitzt sich im ganzen Stück auf das Abschalten der Notbeleuchtung als Genehmigung zur absoluten Finsternis zu und die völlige Finsternis ist ein Bedingung für das Stück „Das Rad der Geschichte“.

Am Ende
Vollkommen finster zu sein
Vollkommen finster
Absolut finster

Besonders bemerkenswert, wenn man die Bibelstelle heranzieht, ist das Herrschen einer Finsternis im ganzen Land und als Parallele dazu das Aufziehen eines Gewitters im Theatermacher. Das ist zu sehen in der Verbildlichung vom Kreuzweg Jesu in der Darstellenden Kunst der mit einer bedrohlichen Gewitterstimmung gleichgesetzt wird und schließlich die absolute Finsternis am Ende.
Schließlich stirbt Jesus in der neunten Stunde am Kreuz mit der Frage: „Warum hast Du mich verlassen?“ Gott spricht nicht mit Jesus, auch Thomas Bernhard meinte in einem Interview zu seiner Gottesvorstellung in seine Stücken: Gott wird durch absolutes Schweigen offenbar.

Bruscon teilt uns mit, um halb neun wurden die Schweine in Mattighofen gefüttert und zerstörten das ganze Stück und schließlich hat Bruscon seine Menschheitstragödie „Das Rad der Geschichte“ nach neun Jahren fertiggestellt, so wie Jesus zur neunten Stunde starb, ein paralleles Motiv für Zerstörung, für das Ende, für den Tod. Beim Theatermacher zeigt sich dazu das Bild es brennenden Pfarrhofes als eine Ankündigung für das zu erwartende Fegefeuer.

Der Pfarrhof brennt
Der Pfarrhof brennt
Es brennt
Der Pfarrhof brennt

Genau darauf hinaus läuft das Ende des Stückes, es ist vielleicht ein Symbol für die Destruktion eines der am tiefsten verwurzelten Institution in der österreichischen Gesellschaft – der katholischen Kirche. Es geht Thomas Bernhard wahrscheinlich nicht um eine undifferenzierte Anklage von Katholizismus, sondern um das Anprangern einer Ideologiegläubigkeit, die den Katholizismus genauso betrifft wie den Nationalsozialismus.

Das Christentum ist ein wichtiger Bestandteil in der Geschichte Österreichs, der Katholizismus und Nationalsozialismus steht für Thomas Bernhard immer in einem engen Zusammenhang. Der Theatermacher zeigt

Gleich mit wem wir reden
es stellt sich heraus (…)
sie seien sozialistisch
sagen sie
und sind doch nur nationalsozialistisch
sie seien katholisch
sagen sie
und sind doch nur nationalsozialistisch
sie seien Menschen sagen sie
und sind nur Idioten

Das Notlicht

Zum Schluß noch ein kleiner Exkurs zum wiederkehrenden Motiv der absoluten Finsternis, eine Anspielung auf ein reales Ereignis und das zur Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ bei den Salzburger Festspielen 1972 führt. Es wurde ein Theaterskandal ausgelöst, weil Thomas Bernhard, so wie 13 Jahre später Bruscon im Theatermacher auf absolute Finsternis am Schluß der Vorstellung bestand und das feuerpolizeilich nicht durchzusetzen war. Bernhard dazu: „Eine Gesellschaft, die 2 Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus!“ Eine zweite Aufführung fand nicht mehr statt, Thomas Bernhard betonte es geht „um die Unbestechlichkeit einer nervenanspannenden Kunst“.

Der Theatermacher löste schließlich nach seiner Uraufführung am 17. August 1985 Reaktionen beim damaligen Finanzminister Franz Vranitzky aus, der andeutete, dass im Programm der Salzburger Festspiele derartige Ausfälle gegen Österreich, die „Der Theatermacher“ angeblich enthält, nicht mehr geduldet würden.

1) siehe: Soleri Feruccio: Commedia dell´arte als Virtuosität von Stimme, Körper und Geist, in: Dvorak, Cordelia: Passione Theatrale, Berlin: Henschel Verlag, 1994, S. 42.
2) siehe: Münz Rudolf: Theatralität und Theater, Berlin: Henschel Verlag, 1998, S. 56.
3) siehe: Von Gourmets, Gourmands und Feinschmecker des Geistes in: Haider-Pregler Hilde, Peter Birgit: Der Mittagesser, Wien: Deuticke, 1999, S. 28.
4) siehe: Dürhammer Ilija, Janke Pia (hrg.): Der Heimatdichter Thomas Bernhard, Wien: Verlag Hozhausen, 1999, S. 11.

Literaturverzeichnis

Beaumont Antony: Busoni the composer, London, Boston: Faber&Faber, 1998

Bernhard Thomas: Der Theatermacher in: Thomas Bernhard Stücke 4, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988

Brauner Felicitas: Zur religiösen Dimension im Werk Thomas Bernhards unter Berücksichtigung seiner Autobiographie, Wien: Hochschulschrift, 1994

Dowden Stephen : Understanding Thomas Bernhard, Columbia, SC: Univ. of South Carolina Pr., 1991

Dürhammer Ilija, Janke Pia (hrg.): Der Heimatdichter Thomas Bernhard, Wien: Verlag Hozhausen, 1999

Dvorak Cordelia: Passione Theatrale, Berlin: Henschel Verlag, 1994

Haider-Pregler Hilde, Peter Birgit: Der Mittagesser, Wien: Deuticke, 1999

Honold Alexander [Hrsg.]: Thomas Bernhard: Die Zurichtung des Menschen, Würzburg : Königshausen & Neumann, 1999

Interdiözesane Katechetischer Fond: Die Bibel, Klosterneuburg: Verlag Österreichisches Katholisches Bildungswerk, 1986

Kuhn Gudrun: Thomas Bernhards Schallplatten und Noten, Wien, Linz,Weitra [u.a.]: Ed. München, 1999

Münz Rudolf: Theatralität und Theater, Berlin: Henschel Verlag, 1998

Schmidt-Dengler Wendelin: Der Übertreibungskünstler, Wien: Sonderzahl, 1986